Montag, 17.12.2018 10:47 Uhr

Aldi Nord Bau Konzept

Verantwortlicher Autor: Raimund Förg Graben - Neudorf, 08.03.2018, 13:33 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Special interest +++ Bericht 6441x gelesen

Graben - Neudorf [ENA] In allen deutschen Großstädten ist die Wohnungsfrage inzwischen eine Überlebensfrage für Politiker geworden. Drei Jahrzehnte lang haben sie und ihre Wähler sich auf die starke Ordnungsmacht des Markts verlassen. Auch deswegen wurden im öffentlichen Besitz befindliche Wohnungen möglichst gewinnbringend verkauft, um damit die öffentlichen Haushalte schuldenfrei zu machen.

Aber mit dem Neubeginn städtischen Bevölkerungswachstums etwa ab 2008 hat es sich gezeigt, diese einseitige Politik war eine der größten baulichen und sozialen Fehlkalkulationen der jüngeren Vergangenheit. Inzwischen werden in München bei Neuvermietungen durchschnittlich mehr als 18 Euro netto pro Quadratmeter Wohnraum verlangt. Die Wähler begehren auf, und da erscheint wirklich jedes Projekt sinnvoll. Etwa jene Aldi-Wohnungen, die, gerade geplant in Berlin vom Teil-Konzern Aldi Nord, über dessen Supermärkten entstehen sollen.

Wirtschaftshistorisch übrigens ein unheilverkündendes Vorzeichen, schon wieder investiert ein weiterer deutscher Großkonzern, der seinen Aufstieg technischer und kommerzieller Innovation verdankt, das dabei gewonnene Kapital nicht etwa in weitere Innovationen und ins eigene Wachstum, sondern in inflationssichere Immobilien. Ohne weiteres zu vertiefen, zwei Modellprojekte in den Bezirken Neukölln und Lichtenberg mit rund 200 Wohnungen sind nach Angaben von Aldi Nord beantragt, weitere 15 Standorte in der aktuellen Konzeption. Insgesamt sollen dann etwa 30 Standorte entstehen. Insgesamt von 2000 Einheiten ist die Rede. Dies sei eine durchaus überschaubare Zahl.

Dennoch wird um dieses Projekt derzeit ein Wirbel gemacht, als ob die Revolution des deutschen Wohnungsbaus anstünde. Lokale Politiker und Medien jubeln, nun würden endlich die riesigen Parkflächen rund um eingeschossige Supermarkthallen auch angemessen genutzt. Dazu könne Aldi nun sogar den angeblich verschlafenen Wohnungsbaugesellschaften und Baugenossenschaften im öffentlichen Besitz zeigen, wie man schnell und dabei effizient baut. Und sicherlich würde der Discounter doch auch, vermutlich, Discount Wohnungen anbieten. Dabei ist die Integration auch größerer Verkaufsflächen in innerstädtische Wohnbebauungen alles andere als eine neue Idee.

Selbst Baumärkte wurden schon in den 70er Jahren mit Massenwohnungsbau verbunden, siehe etwa an der Berliner Brunnenstraße oder der Kantstraße. Aktuelle Beispiele sind oft in Ecklagen entstandene Supermärkte etwa von Edeka, Rewe oder Lidl. Die frei stehende Aldi Halle oder der ostdeutsche Konsum Block sind Sonderformen geblieben, jetzt jedoch brauchbar für neu angelegte Wohngebiete und Vorstädte. Aber weder verspricht Aldi eine besonders ökologische oder nachhaltige Baukultur, einen Wettbewerb oder wenigstens interessante neue Wohnungsformen.

Den beiden Illustrationen nach, die veröffentlicht wurden, handelt es sich um ziemlich schlicht im Plattenbauraster entworfene, lang gestreckte Riegel, in deren von Stützenhallen gerahmtes Erdgeschoss eine Kiste für den Supermarkt eingeschoben wird. Dabei sind die Preise nur discountverdächtig, nur ein Drittel der Wohnungen soll zum Preis von 6,50 Euro pro Quadratmeter angeboten werden. Das gilt sogar im trotz allen äußeren Glanzes immer noch vergleichsweise armen Berlin, wo mehr als die Hälfte der Einwohner einen Anspruch auf Wohngeld hat, inzwischen als billig. Doch der allergrößte Teil der Wohnungen wird für mehr als 10 Euro Kaltmiete auf den Markt kommen.

Auch Aldi handelt nicht als Wohltäter, sondern als ganz normaler, renditeorientierter Investor. Es geht darum, die neuen großen Verkaufshallen mit einer Größe von bis zu 1400 qm akzeptabel werden zu lassen und zugleich den kostbaren Baugrund maximal auszunutzen. Es sind innerstädtische Grundstücke, die nach der Zerstörung der Häuser im Krieg nur locker bebaut wurden, davon gibt es in Berlin noch erstaunlich viele, sowie solche, die im direkten Anschluss in der Nachbarschaft von Siedlungen der Nachkriegszeit liegen und derzeit durch die Ausweitung des Baubestands zunehmend zum Teil der Innenstadt werden.

Hier zu bauen, ist angesichts der Wohnungskrise keinerlei Risiko und wird von den Stadtverwaltungen wohlwollend behandelt, denn inzwischen werden Überbauungsquoten genehmigt, die jene der Kaiserzeit übertreffen, dürfen Neubauprojekte einfach nur banal jeden verfügbaren Kubikzentimeter Raum ausnutzen, den bereits vorhandenen Gebäuden jedes Licht, Luft und Sonne wegnehmen, die doch auch zum Zivilisationsversprechen der Moderne gehören. Hauptsache es entstehen jede Menge Wohnungen.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.