Montag, 24.09.2018 11:12 Uhr

Die Toten kehren zurück

Verantwortlicher Autor: Tamás György Morvay Zürich, 18.03.2018, 20:03 Uhr
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Regisseur Ferenc Török und Autor Gabor Szanto bei der Aufführung in Zürich
Regisseur Ferenc Török und Autor Gabor Szanto bei der Aufführung in Zürich  Bild: Tamás György Morvay

Zürich [ENA] „Yesh! Neues aus der jüdischen Filmwelt“ ist zur festen Grösse im Kulturleben der Stadt Zürich geworden: 2018 ist das einwöchige Festival bereits in der 4. Ausgabe. Heute fand hier die Aufführung von „1945 (Die Heimkehr)“ aus Ungarn, mit anschliessendem Gastgespräch mit Autor und Regisseur, statt.

Der Film baut auf die gleichnamige Kurzgeschichte des ungarischen Autors Gábor T. Szàntó auf, ist jedoch eine Weiterentwicklung des Stoffes, wie der Regisseur Ferenc Török in einem Interview bekennt. In seiner Dramaturgie lehnt er sich ans Genre der Western an, die spartanischen schwarz-weiss Bilder, die ruhige Kameraführung und Schnitte werden dem schwierigen Thema absolut gerecht: am Exempel eines kleinen ungarischen Dorfes, das sich im Jahr davor seiner jüdischen Einwohner entledigt und sich ihre Hinterlassenschaften angeeignet hatte, zeigen die Autoren die Vielschichtigkeit von Schuld auf. Parallel dazu wird der sich bereits abzeichnende Weg von der einer Diktatur in die nächste dargestellt.

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht im Dorf: aus dem Zug von Budapest entsteigen 2 jüdische Männer, Vater und Sohn. Sie hatten ein Fuhrwerk bestellt, auf den sie zwei Kisten verladen lassen. Es geht ins Dorf, die Männer laufen dem Fuhrwerk hinterher. Der aufgeregte Stationsvorsteher eilt mit Fahrrad voraus, die brisante Nachricht in die Dorfkneipe zu überbringen: sie sind wieder da, die Juden. Fast eine halbe Million von ihnen wurden nach dem deutschen Einmarsch in März 1944, die überwiegende Mehrheit aus der Provinz, nach Auschwitz abtransportiert. Wie der Film zeigt, mit der tatkräftigen Unterstützung der ungarischen Landbevölkerung, die ihre Freundschaften mit den jüdischen Nachbarn aus Neid und Habgier verraten hatten.

Da ist der Sohn des Dorfschreibers, der im Laufe des Films buchstäblich zum Manne reift: er hatte die arisierte Drogerie übernommen, als die Zeiten für jüdischen Besitz unmöglich wurden. Entgegen seinem Vater, der sich wie die Made im Speck im vormals jüdischen Besitz breitgemacht hat, glaubt er aber, er müsse den Laden zurückgeben, falls es Erben gibt. Seine Heimkehr wird er durch seinen Weggang, hinaus aus dem schuldbeladenen Dorf, in die Welt, bewerkstelligen. Da sind der Bauer, der seinen jüdischen Jugendfreund, auf Betreiben des Dorfschreibers verraten hat, und seine Frau, die sich nicht wehrte, als die Gendarmen den ihr anvertrauten kleinen jüdischen Jungen aus seinem Versteck holten.

Da ist die Tochter des Bauern, die der Sohn des Schreibers heiraten sollte. Als jener beschliesst wegzugehen, vermag sie ihm nicht zu folgen. Doch auch sie emanzipiert sich im dörflichen Schein-Idyll, indem sie am Ende des Films die Drogerie anzündet. Und da ist der junge Mann, der heimliche Liebhaber der Bauerntochter, der sich früh auf die Seite der russischen Befreier schlägt. Auch der Dorfpfarrer fehlt nicht hier, der genauso über alle heimlichen Banden Bescheid weiss aber schweigt, wie er davor den Verrat an den Juden des Ortes schweigend geschehen liess. Ihn stört einzig, dasss der Bauer, der zur Beichte kommt, „besoffen vor den Herrn“ tritt. Als jener sich erhängt, finden ihn seine Kinder, die von einem anderen Vater sind.

Die beiden Fremden jedoch, die in der Mittagshitze zu Fuss ins Dorf gezogen waren, haben nicht die Absicht, hier anzukommen. In den beiden abgeladenen Kisten bringen sie die wenigen verbliebenen Habseligkeiten der ehemaligen jüdischen Dorfbewohnern, um sie symbolisch zu begraben. In diesem Punkt weicht der Film vom Original ab, und leider wird der Grund dafür auch im anschliessenden Gastgespräch mit Autor und Regisseur nicht schlüssig geklärt. Auch im Film erzählt der Stationsvorsteher, die beiden Juden hätten Drogerieprodukte gebracht, im Friedhof werden jedoch nicht Seifen - einem weit verbreiteten Gerücht zufolge aus den Krematorien der Lager - aber Kinderspielzeug und -Bekleidung „beerdigt“, was dem jüdischen Ritus widerspricht.

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