Samstag, 21.04.2018 11:48 Uhr

Türkischer Millionen-Bau statt Tatort-Kulisse

Verantwortlicher Autor: Jochen Raffelberg Köln, 01.04.2018, 12:33 Uhr
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€70 Millionen-Neubau für türkische Kulturzentrale
€70 Millionen-Neubau für türkische Kulturzentrale  Bild: VIKZ/gmp

Köln [ENA] Früher wurden hier Tatort-Krimis gedreht, demnächst bauen Deutschlands Türken in Köln-Müngersdorf die neue Verbandszentrale ihrer islamischen Kulturzentren. Es wird der zweite türkische Monumentalbau in der Domstadt nach der 2017 eröffneten Zentralmoschee im Stadtteil Ehrenfeld.

Der Baustart des von den Architekten von Gerkan, Marg und Partner entworfenen Neubau-Komplexes ist für 2019 geplant, die Fertigstellung für 2022, erklärte der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) in einer Pressemitteilung in Köln. Für das Vorhaben sei ein fast 13.000 m2 grosses Grundstück im Gewerbegebiet TechnologiePark in Müngersdorf erworben worden. Die Finanzierung der Baukosten von rund €70 Millionen setzt sich nach Worten von VIKZ-Generalsekretär Seyfi Öğütlü aus Bankkrediten, Mitgliedsbeiträgen und Spenden zusammen. Obwohl der Standort Teil eines rechtskräftigen Bebauungsplans ist, sei die Baugenehmigung noch nicht erteilt worden; der Bauantrag wird laut Öğütlü im Sommer eingereicht.

Noch ist auf dem Gelände die Kulisse für Kölner und Münstersche “Tatorte” zu besichtigen: der Eingang zum ehemaligen “Polizeipräsidium” führt zu den “Dezernaten” 10, 11, 12 und 23, in denen einst Kommissare wie Ballauf und Thiel ermittelten. Auf dem übrigen Grundstück existieren noch eine Filmproduktion und ein Requisitenlager in abbruchreifen Räumlichkeiten. Zu den bleibenden Nachbar gehören ein Gym, das laut seiner Werbung Training für “alle effizienten Kampfkunststile” anbietet, ein Unternehmen der chemischen Industrie und ein Forensisches Labor. Als Grund des Neubaus gibt der VIKZ an, dass er in seinem seit 30 Jahren bestehenden Verbandssitz aus allen Nähten platze.

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Von dort aus betreut er die ihm bundesweit angeschlossenen rund 300 Gemeinden und Bildungseinrichtungen. Neben dem VIKZ gibt es noch drei weitere grosse religiöse Vereine von Muslimen in Deutschland: die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (Diyanet İşleri Türk İslam Birliği DITIB), den Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland und den Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD). Sie erfüllen laut Bundestag nicht die vom Grundgesetz geforderten Voraussetzungen an eine Religionsgemeinschaft und werden daher als religiöse Vereine geführt.

Die Tatort-Kulisse wird einem “repräsentativen, multifunktionalen Gebäudekomplex” weichen, in dem neben Büros Räume für die Imam-Ausbildung und Studenten (222 Betten) sowie ein Gebetsraum und ein Gästehaus (114 Betten) untergebracht werden. Ferner seien ein öffentliches Restaurant und eine Bibliothek sowie ein Lesecafé und Läden für Dienstleister geplant. Großen Wert habe der VIKZ auf eine offene und einladende Gestaltung der Architektur gelegt, die den Wunsch des Verbandes nach Austausch und Begegnung sowie nach guten nachbarschaftlichen Beziehungen widerspiegele.

Als Ziel und Zweck seiner Verbandsarbeit gibt der VIKZ die religiöse, soziale und kulturelle Betreuung von Muslimen in Deutschland an. Weitere Kernaufgabe sei der Einsatz für die Akzeptanz des Islam und der Muslime als Teil der deutschen Gesellschaft sowie der interkulturelle Austausch. Der VIKZ unterstütze die Ausbildung von Jugendlichen und fördere den interkulturellen Austausch. Er kooperiere im sozialen Bereich mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband und mit “den Kirchen, der jüdischen Gemeinde und weiteren islamischen Religionsgemeinschaften” in der Flüchtlingshilfe, wie etwa im Arbeitskreis Muslimische Flüchtlingsarbeit in Köln. Der VIKZ wurde 1973 in Köln gegründet.

Die Architekten erläuterten den Leitgedanken ihres in der Ausschreibung erfolgreichen Entwurfs als von “Transparenz getragen”. Sechs Meter hoch erhöben sich an der Hauptfassade die Kolonnaden vom Strassenniveau, Freitreppen führten von zwei Seiten hinauf zum Gebetshaus mit seinen rund 900 Plätzen. Ein hoch verglaster Haupteingang an der Stolberger Strasse biete Besuchern und Passanten Einblicke in das lichte Atrium mit umlaufenden Galerien. Nach islamischer Bautradition sei der Gebetsraum in dem Neubau zentral angeordnet. Die monumentale Kölner Zentralmoschee hatte sich nach anfänglichen Protesten aus Politik und Bevölkerung mit Hilfe des damaligen Oberbürgermeisters Fritz Schramma (CDU) schliesslich durchgesetzt.

Die Moschee war auch im Rosenmontagszug 2008 Gegenstand eines Themenwagens von Kölns ältestem Karnevalsvereins, den Roten Funken. Aus der Kuppel der Moschee ragte die Spitze des Kölner Doms, neben der Schramma als Pappfigur mit einem Kopftuch in den Stadtfarben Rot-Weiss stand. “Kölsche Lösung” war der Wagen betitelt und signalisierte so, dass der Islam zu Köln gehöre. Nach Angaben des von Nordrhein-Westfalen unterstützten Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung lebten 2016 in Deutschland knapp drei Millionen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, von denen 1.369.000 deutsche Staatsbürger waren. Etwas weniger als 100.000 Kölner hatten einen türkischen Migrationshintergrund (rund zehn Prozent der Einwohner).

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