Mittwoch, 20.06.2018 15:36 Uhr

Proteste und Kritik wegen Pfarrschrumpfung

Verantwortlicher Autor: Jochen Raffelberg Köln, 10.03.2018, 21:51 Uhr
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St. Gereon in Köln: Abbruch der Eigenständigkeit
St. Gereon in Köln: Abbruch der Eigenständigkeit  Bild: Jochen Raffelberg

Köln [ENA] Katholiken begehren gegen Entscheidungen ihrer Bischöfe auf, Pfarreien zusammenzulegen und Gotteshäuser zu schliessen. Das Kölner Erzbistum sprach von kritischen Reaktionen auf Strukturreformen. Im Bistum Trier protestierten mehrere 100 Gläubige in einer Mahnwache gegen Veränderungen.

Das Erzbistum Köln, mit knapp zwei Millionen Katholiken das mitgliederstärkste Bistum unter den 27 deutschen Diözesen, will mit teils drastischen Massnahmen Krisen und Herausforderungen meistern, die durch Mitgliederschwund, Priestermangel oder Kostenanstieg verursacht werden. Letzterer wird allerdings durch einen Bilanzüberschuss von 37 Millionen Euro abgemildert, den die Kirche wachsenden Steuereinnahmen verdankt. Die Flüchtlingshilfe ist dabei das mit Abstand größte Projekt im erzbischöflichen Wirtschaftsplan 2017: nahezu sechs Millionen Euro stellt es bereit, um die Integrationsarbeit zu fördern.

Die bevorstehende Verschmelzung von sechs Pfarreien allein in der Kölner Innenstadt ist sichtbarster Einschnitt in den Kernbereich der Kirche: wegen der stark sinkenden Zahl der Seelsorger entsteht so der neue „Sendungsraum Köln- Mitte“ mit etwa 38.000 Gemeindemitgliedern unter Leitung eines Hauptpfarrers. Die gestrafften Strukturen tragen den Nachwuchsproblemen Rechnung, die in ländlichen Bereichen wie dem Rhein-Erft-Kreis zu langjährigen Pfarrvakanzen geführt haben. Obwohl Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki den Kölner Reformkurs (“pastoraler Zukunftsweg”) schon vor geraumer Zeit eingeleitet hat, stösst seine rasche Umsetzung nach eigenen Angaben unter anderem wegen des Mangels an geeignetem Personal auf Probleme.

Die Gemeindemitglieder und Pfarrgremien sind nach Darstellung der Diözese in den Reformprozess eingebunden. Der stellvertretende Generalvikar und Chef der Hauptabteilung Seelsorge, Monsignore Markus Bosbach, erklärte im Domradio, der Prozess fange gerade erst an. Die Reaktionen seien “sehr vielfältig. Sie waren zum Teil kritisch, aber auch positiv.” Lokale Medien berichten, dass Gläubige mit Unverständnis und Ärger auf die Veränderungen reagiert hätten; Seelsorger zeigten sich konsterniert und ernüchtert. „Wir werden verheizt“, habe ein Geistlicher mit Blick auf die zu erwartende Aufgabenlast geklagt.

Im Bistum Trier versammelten sich mehrere Hundert Gläubige zu einer Gebets-Mahnwache gegen die Zusammenlegung von Pfarreien, in einer Resolution habe der Rat der saarländischen Stadt Lebach gegen Pläne einer Großpfarrei protestiert, meldete das bistumseigene Domradio. Bosbach sagte dem Sender, die sinkende Zahl von Priestern sei “eine gewichtige Herausforderung”, aber man müsse auch die schrumpfende Zahl der Gläubigen und die abnehmende Zahl von Mitarbeitern sehen. Die Verantwortung für viele große Bauten verschärfe die Finanzlage mancher Innenstadtgemeinden. Die Kirche sei “nicht einfach ein strategischer Konzern, der irgendwie sagt: Das ist das Ziel und jetzt müssen wir sehen, dass wir dahin kommen.”

Die Kölner Bilanz weist einen Jahresüberschuss 2016 von fast 37 Millionen Euro aus

Bosbach erinnerte daran, dass der Sendungsraum Köln-Mitte religiöse Heimat vieler Menschen sei. Die Zahl der Taufen sei doppelt so hoch wie die der Beerdigungen, was sonst eher selten sei, und dass eine “exorbitant hohe” Zahl Menschen Gottesdienste besuche. Der Geistliche überreichte dem Frechener Magazin Ein|Blick eine Auszeichnung für den besten Pfarrbrief des Jahres 2017. Die Prämierung war Teil der verstärkten Öffentlichkeitsarbeit des Erzbistums, das Anfang März unter dem Motto „Die besten Geschichten schreibt das Leben“ eine Fortbildung für Mitarbeiter in der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit organisiert hatte, in der die rund 165 Teilnehmer lernten, wie Lebens- und Glaubensgeschichten in Text und Bild erzählt werden können.

Angesichts der allgemeinen Kirchenentwicklung schreckt Kardinal Woelki auch vor weiteren Kirchenschliessungen nicht zurück; in seinem Erzbistum wurden bereits fast 30 Gotteshäuser außer Dienst gestellt. Woelki hatte kürzlich erklärt, er sehe keine Alternative zur Aufgabe von Kirchen. Man werde sich angesichts schrumpfender finanzieller Spielräume von Immobilien trennen müssen. Laut Deutscher Bischofskonferenz wurden in den letzten 18 Jahren bundesweit 366 Kirchen entweiht, 84 davon verkauft und 88 abgerissen. Theologen wie der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards warnte die Kirchen vor voreiligen Schritten. Sakralgebäude ausschließlich unter dem Kosten-Nutzen-Verhältnis zu sehen, greife "zu kurz", sagte er der WAZ.

Die Verantwortlichen sollten stattdessen über eine Nutzungserweiterung nachdenken, sich etwa für Kunst und Kultur öffnen oder Kooperationen mit karitativen Einrichtungen eingehen. Gerhards äußerte sich mit Blick auf das vor 60 Jahren gegründete Bistum Essen, in dem aufgrund zurückgehender Mitgliederzahlen seit 2006 - teils gegen heftige Widerstände - 259 Gemeinden zu 43 Großpfarreien verbunden wurden. Zudem mussten 100 Kirchen aufgegeben werden; weitere Schließungen sollen folgen.

Die Statistik des erzbischöflichen Generalvikariats in Köln wies Ende 2016 – 180 Seelsorgebereiche mit 527 Pfarreien, rund 800 Kirchen und rund 400 Filialkirchen und Kapellen, davon rund 600 unter Denkmalschutz aus. Die pastoralen Dienste umfassten im Dezember 2017 – 737 weltliche Priester (darunter vier Bischöfe, 401 Priester im aktiven Dienst, 332 Priester im Ruhestand bzw. freigestellt oder beurlaubt), 177 Ordenspriester und 95 Ordensgemeinschaften mit 164 Niederlassungen im Erzbistum Köln, davon 66 Frauenorden mit knapp 900 Ordensschwestern. In der Reihe der Weltbistümer steht Köln auf dem 35. Platz: Diözesen wie Mexico (7,8 Millionen Katholiken), São Paulo (rund 5,5 Millionen) oder auch Mailand (etwa 4,9 Millionen) sind grösser.

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