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Neapolitanisches Liebesdrama

Verantwortlicher Autor: Dominik Lepuschitz Wien, 17.06.2016, 16:53 Uhr
Presse-Ressort von: Dominik Lepuschitz Bericht 6413x gelesen
Friedrich Haider
Friedrich Haider  Bild: © Sim Canetty-Clarke

Wien [ENA] In gewisser Weise teilt Ermanno Wolf-Ferrari das Schicksal J.S. Bachs. Zu Lebzeiten populär und erfolgreich, gerät er nach seinem Tod zunehmend in Vergessenheit. Dem österreichischen Dirigenten Friedrich Haider war es beschieden, Wolf-Ferraris Mendelssohn zu sein.

In einem Antiquariat in London fällt Haider 2002 eine Partitur von Wolf-Ferraris opera buffa “Il segreto di Susanna” in die Hände, die ihn wie ein Blitzschlag berührt. Unverzüglich macht er sich an die Arbeit und führt das Werk ein Jahr später in München mit Renato Bruson auf. Haider stellt die Renaissance des deutsch-italienischen Komponisten ins Zentrum seines künstlerischen Schaffens, ein Engagement, das nach wie vor unvermindert anhält. Neuester Höhepunkt ist die allererste, jemals produzierte Gesamtaufnahme von Wolf-Ferraris Verismo-Oper „I gioielli della Madonna“, die auf der unter Haiders Leitung entstandenen Inszenierung von Manfred Schweigkofler am Slowakischen Nationaltheater Preßburg 2015 basiert.

Groß besetzt – es gibt immerhin 27 benannte Partien, und im Orchester finden sich unter anderem Mandolinen – erzählt die „Oper aus dem neapolitanischen Volksleben“ eigentlich eine wüste Geschichte um Erotik und Leidenschaft, die im Raub der titelgebenden „Juwelen der Madonna“ gipfelt, womit sich der Schmied Gennaro die schöne Maliella, Pflegetochter seiner Mutter, zu Willen macht. In Neapel darf die Camorra freilich nicht fehlen, und es ist deren Anführer Rafaele, dem Maliella verfallen ist. Tatsächlich verachtet sie Gennaro, der ihr seine Liebe gesteht und treibt ihn so zur Freveltat, die auch Rafaele schon geplant hatte.

Während die Banditen unter dem Bild der Madonna eine Orgie feiern, stürzt Maliella herein und erzählt, was geschehen ist, worauf Rafaele sie zurückweist. Gennaro kommt, um sie zu retten, doch sie wirft ihm den geraubten Schmuck vor die Füße und stürzt sich ins Meer. Voll Reue bringt Gennaro den Schmuck zurück, bittet die Madonna um Vergebung und begeht anschließend Selbstmord.

Natalia Ushakova

Wie gesagt – eine wüste Geschichte, die Wolf-Ferrari in genialer Weise in Musik gesetzt hat. Hier finden Sänger die Gelegenheit, Leidenschaft und Temperament einmal so richtig auszuleben. Sängerischer Höhepunkt ist zweifellos Natalia Ushakova, die als Maliella alle Dramatik, Verlockung und Verführung durch ihren fülligen, wohlgerundeten Sopran fließen läßt, die Gennaro wie Rafaele den Verstand raubt. Kyungho Kim, junger Tenor aus Korea, ist versiert im italienischen Fach und bringt die ganze Achterbahn der Gefühle zum Ausdruck, der Maliella ihn aussetzt.

Der slowakische Bariton Daniel Čapkovič verleiht dem kriminellen Glücksritter Rafaele mit dunklem Timbre eine subtile Bedrohlichkeit, während Susanne Bernhard als Gennaros Mutter Carmela mit zurückhaltendem, in sich gekehrten Ton immer die Liebe zu ihrem Sohn und die Sorge um die unausweichliche Katastrophe anklingen läßt. Das Slowakische Radio Sinfonie Orchester ist ein kraftvoller, kompakter Begleiter, der den Sängern ein sicheres Fundament bietet und gleichzeitig dabei hilft, dem Gesang volle Geltung zu verschaffen.

Musikalisch geht Wolf-Ferrari eigene Wege. Seine Verwurzelung in der italienischen Spätromantik steht außer Frage, dementsprechend frei ist er in seiner Tonalität, die er aber nie verläßt. Am nächsten stehen ihm vielleicht noch Mascagni oder Leoncavallo. Das Leitmotiv ist hier die Tarantella, die in sich in verschiedenen Ausformungen durch das ganze Werk zieht – Leitmotiv einmal rhytmisch-formal anstatt melodisch. Ansonsten drückt er sich recht kurz aus, die ganze Oper mit ihren drei Akten dauert gerade einmal zwei Stunden.

Friedrich Haider hat ein umfassendes, durchweg überzeugendes Konzept erarbeitet und in vollem Umfang umgesetzt. Das musikalische Niveau steht den ganz Großen um nichts nach, Haider stehen erstklassige Musiker zur Verfügung, was auch auf die generell gestiegene Qualität der musikalischen Ausbildung zurückzuführen ist. Für seine Bemühungen um die Wertschätzung für Ermanno Wolf-Ferrari und sein Werk gebührt Friedrich Haider großer Dank und die besten Wünsche für einen prolongierten Erfolg.

Ermanno Wolf-Ferrari: I Gioielli Della Madonna. Erschienen bei Naxos Cat. No. 8.660386-87

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