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Gefährliche Ambivalenz

Verantwortlicher Autor: Dominik Lepuschitz Wien, 21.10.2016, 16:00 Uhr
Presse-Ressort von: Dominik Lepuschitz Bericht 6762x gelesen
Klaus Haberl
Klaus Haberl  Bild: Rolf Bock

Wien [ENA] Die österreichische Rüstungsindustrie ist seit jeher bedeutend und innovativ – ob nun das Werndl-Gewehr vor 150 Jahren oder die Glock-Pistole heute. Doch auch schwereres Gerät bis hin zu Panzern und Geschützen wurde produziert und weltweit nachgefragt.

Wie gerne hätte man alle und jeden beliefert – wäre da nicht diese lästige Neutralität. Die wollte die Politik schützen und beschloß Gesetze, die Verkäufe an Kriegsparteien untersagten. Doch dann winkten Milliardenprofite und bald ging es nur mehr darum, wie man die Gesetze, die man eben noch beschlossen hatte, so umging, daß man nicht belangt werden konnte. Das ging kräftig daneben und gipfelte in einem Bundeskanzler und zwei Ministern vor Gericht. In die Geschichte eingegangen ist das als die Noricum-Affäre. Bestraft wurden freilich nur die Manager der gleichnamigen VOEST-Tochterfirma. Die Republik war um einen Mega-Skandal reicher.

Zugetragen hat sich das in den 1980er-Jahren und vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund spielt Matthias Manders neuestes Bühnenwerk „Geheimakte Tripolis“, das derzeit als Uraufführung an der Freien Bühne Wieden zu sehen ist. Da geht es um eine Glasfabrik, die höchst innovative Methoden zur Herstellung neuartiger Linsen entwickelt. Nun soll diese Technik auf Wunsch der Eigentümer – einer Bank – für die Metallbearbeitung adaptiert werden. Über den Endzweck hält man sich ebenso bedeckt wie über den Auftraggeber. Eine halbe Milliarde Gewinn ist doch Grund genug – oder?

Klaus Haberl/Gerhard Dorfer

Wäre da nicht Oberbuchhalter Zisser. Er ist ein zutiefst moralischer Mensch, für den der Unterschied zwischen richtig und falsch so klar ist wie das Glas, das in seinem Betrieb erzeugt wird. Er wird dieses Ansinnen, das durch Dr. Eigner, Vertreterin der Bank, an die Firma herangetragen wird, und das Zisser bald durchschaut, nicht mittragen – und wenn es ihn seine Existenz kostet. Selbst der eigenen Fimenleitung widersteht er ins Angesicht, allen vernünftigen Argumenten zum Trotz. Mit Blutgeld kann man keine Produktionshallen füllen. Einen einzigen Ausweg scheint es zu geben – und Zisser risikert alles...

Es ist ein dichtes Kammerspiel, das Michaela Ehrenstein hier auf ihre Bühne bringt. Die glaubhafte, solide Handlung ist spannend und kompakt und fordert vom Zuseher volle Aufmerksamkeit. Manders Protagonisten sind authentisch und werden von einer sorgfältig ausgewählten Besetzung auch entsprechend verkörpert: Klaus Haberl (Zisser) ist die personifizierte Integrität, ganz im Gegensatz zu Anita Kolbert (Dr. Eigner), die der Kampf an die Spitze hart und rücksichtslos gemacht hat.

Gerhard Dorfer/Alfons Noventa

Gerhard Dorfer (Generaldirektor Fruhmann) muß einsehen, daß ein Kompromiß diesmal unmöglich ist, und Alfons Noventa (Betriebsleiter Partl) erliegt in der Sorge um seine Arbeiter fast der Versuchung der Bank. Zwischen allen Stühlen befindet sich Brigitte Quadlbauer (Dr. Lohr), die als Leiterin der Forschung auf die Gelder für ihre Abteilung angewiesen ist, sich aber genauso wenig wie Zisser als Waffenproduzent mißbrauchen lassen will.

In ihren Rollen sind alle überzeugend und man könnte durchaus meinen, es mit tatsächlichen Personen zu tun zu haben – das Stück jedoch ist natürlich Fiktion. Doch hat diese Fiktion, wie schon gezeigt wurde, einen sehr realen Hintergrund, und man sollte lieber nicht zu viel darüber nachdenken, was, allen Aufdeckern zum Trotz, verborgen geblieben ist. Weitere Informationen: www.freiebuehnewieden.at

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