Donnerstag, 22.06.2017 14:12 Uhr

Ein Tag mit Gottfried Silbermann

Verantwortlicher Autor: Dominik Lepuschitz Dresden, 28.05.2017, 02:40 Uhr
Presse-Ressort von: Dominik Lepuschitz Bericht 3943x gelesen
Prospekt der Orgel im Dom St. Marien zu Freiberg
Prospekt der Orgel im Dom St. Marien zu Freiberg  Bild: Dominik Lepuschitz

Dresden [ENA] Gottfried Silbermann ist wahrscheinlich der einzige Orgelbauer, dessen Name auch jenen ein Begriff ist, die keine Klassik-Enthusiasten sind – zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Das hat in erster Linie mit seiner Verbindung zu Johann Sebastian Bach zu tun.

Diese Verbindung bestand auch, obwohl historische Legendenbildung mehr draus machte, als da war. Seitdem gehört Silbermann zu Bach wie die Pfeife zur Orgel. Doch Silbermanns Ruhm ist so begründet wie verdient. Er war einer der größten Meister, die der Orgelbau hervorbrachte und wirkt in seiner Methodik und seinen Innovationen bis heute fort. Der größte Teil seiner etwa 50 Instrumente ist erhalten und wie besser könnte man diesen Mann kennenlernen als durch eben diese? Dazu gaben die Dresdner Musikfestspiele Gelegenheit mit einer Fahrt auf seinen Spuren, deren Höhepunkt ein Konzert im Freiberger Dom war – Silbermanns magnum opus und die weltweit besterhaltene Barockorgel.

Teil 1 – Die Reise

Unter fachkundiger Leitung von Karin Fickler, die historische und geographische Fakten vermittelte, und Theophil Heinke, Kantor an der Trost-Orgel zu Waltershausen, der den musikalischen Fachteil über hatte, ging es zunächst in Richtung Nassau. Dort steht - in einer Kirche mit wunderbarer Akustik - ein kleineres Instrument Silbermanns, das aber in Wohlklang und Farbenreichtum den größeren um nichts nachsteht, was Heinke in einer umfassenden Orgelvorstellung demonstrierte.

Das rührt daher, daß Silbermann, wie Heinke ausführte, gewisse Abläufe standardisierte, was einerseits der Grund ist, daß Silbermann als teuer galt, weil er auch bei kleinen Instrumenten nicht sparte; andrerseits erklärt dies, warum es etwas wie eine „schlechte“ Silbermann-Orgel einfach nicht gibt. Wenn überhaupt ist das Bestehen in der Reduktion der letztgültige Beweis seiner überragende Meisterschaft.

Freiberg ist eine Stadt mit großer Bergbautradition und einem weitgehend erhaltenen, mittelalterlichen Kern, da es vom Bombenkrieg verschont blieb. Obwohl die Orgel im Dom St. Marien sicher das bedeutendste Kulturdenkmal der Stadt ist, ist es nicht das einzige. Nebst dem Haus, in dem Silbermann während der Arbeiten wohnte - die Räume werden derzeit neu gestaltet, die Eröffnung ist im kommenden August – gibt es „terra mineralia“, eine faszinierende Mineralienschau, weitere Museen und noch einige weitere Silbermann-Orgeln - einer Kulturreise also jedenfalls wert.

Teil 2 – Das Konzert

Der Höhepunkt des Tages war das Konzert des britischen Organisten David Titterington, dessen kluge Werkauswahl es ermöglichte, das umfangreiche Instrument – 44 klingende Stimmen auf drei Manualen und Pedal – in allen Facetten kennenlernen und zeigte zudem, wie zeitgemäß Silbermanns Klangkonzept nach über 300 Jahren immer noch ist. Vom obligatorischen Bach bis zu Lionel Rogg, ergänzt um verschiedene Aspekte der Orgelromatik, ließ das Programm keine Wünsche offen.

Zu Beginn erklang Bachs Toccata in d, BWV 538, ob des fehlenden Vorzeichens „Dorische“ genannt, eines der großartigsten Werke der Orgelliteratur. Titterington bewältigte sie mühelos, ebenso die mit höchster Kunstfertigkeit konstruierte Fuge, die er nach zwei großen Choralbearbeitungen Bachs folgen ließ. Nach dieser Etablierung der Grundlagen folgten Beispiele für früh- hoch- und spätromantische Orgelmusik, beginnend mit Rincks „Corelli-Variationen“, anders, aber nicht weniger schwierig als Bach, dann Samuel Sebastian Weslys „Chorallied und Fuge“, ein Beitrag aus Titterington Heimat.

Wesley war strenger Kontrapunktiker zu einer Zeit, da diese Technik eigentlich schon lange als veraltet galt. Seine Musik hat eine eigene Qualität und ist gleichzeitig nirgends einzuordnen. Titterington scheint seinen Landsmann jedenfalls zu schätzen, die Musik machte ihm hörbar Freude, ebenso Johannes Brahms´ Präludium und Fuge in a, WoO 9. Das größte Wagnis aber kam zum Schluß mit Lionel Roggs 1976 entstandener Partita sopra „Nun freut euch, liebe Christen g´mein“, aus der Recitativ, Passacaglia und Toccata erklangen.

Eine Hommage an Bach wie an die französische Orgelsymphonie gleichermaßen, zeigte Titterington, daß ein jahrhunderte altes Klangkonzept auch für zeitgenössische Musik adäquat sein kann. Das barocke Universal-Konzept scheint in Silbermanns Instrumenten verwirklicht.

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