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Auf Shakespeares Spuren

Verantwortlicher Autor: Dominik Lepuschitz Wien, 23.04.2016, 04:39 Uhr
Presse-Ressort von: Dominik Lepuschitz Bericht 6755x gelesen
Philipp Limbach/Marcus Strahl
Philipp Limbach/Marcus Strahl  Bild: Rolf Bock

Wien [ENA] In gewisser Weise steht Jean Anouilh in direkter Tradition zu William Shakespeare. Er war äußerst produktiv, bediente verschiedenste Genres und verstand es, zugleich anspruchsvoll und unterhaltend zu sein. Sein“Becket“ gehört zu jenen Werken, in denen er dem großen Briten besonders nahe steht.

Thematisiert wird – mit einigen künstlerischen Freiheiten – der Konflikt zwischen König Heinrich II. und seinem Freund, Lordkanzler und schließlichen Gegenspieler Thomas Becket, eine zeitlose Geschichte um die menschliche Natur, die Grenzen endlicher, weil menschlicher, Macht und den Umgang mit jenen, die eben diese Grenzen aufzeigen, nicht zu allem Ja sagen und sich als Mitmacher verweigern. Ist der König, aufbrausend und jähzornig, im Grunde seines Herzens wohlmeinend, ein großes Kind, das die Folgen seines Zorns bald bereut und sich nach aufrichtiger Liebe sehnt, ist Becket ein kalter Analytiker, der so tief in die menschliche Seele blickt, daß es ihm verunmöglicht wird, zu lieben.

Michaela Ehrenstein/Philipp Limbach

Ein Werk von so großem Tiefgang, solcher Vielschichtigkeit, hat es in Zeiten genüßlich zelebrierter Mittelmäßigkeit nicht leicht, und auch Anouilh selbst gerät zunehmend in Vergessenheit. Michaela Ehrenstein, Intendant der Freien Bühne Wieden, ist es zu danken, daß das Stück nach langer Zeit wieder in Wien zu sehen ist. In bester Shakespeare-Tradition zeigt Ehrenstein, die auch inszeniert, das Drama auf leerer Bühne mit lediglich den nötigsten Requisiten und läßt so das Mittelalter in den Köpfen der Zuschauer lebendig werden. Großen Anteil daran hat auch die musikalische Einrichtung von Béla Fischer und die geschmackvollen, ästhetisch ansprechenden Kostüme von Babsi Langbein.

Als König Heinrich zeigt Marcus Strahl alle Facetten seines schauspielerischen Könnens und haucht dieser so widersprüchlichen, zwiespältigen Figur, der innere wie äußere Kälte schwer zu schaffen macht, sehr authentisch Leben ein. Philipp Limbach als Titelfigur scheint hingegen barfuß im Schnee eher aufzublühen, strahlt auch in innigen Momenten distanzierte Kühle aus und läßt die Tiefe seiner Gefühle, die er seiner umfassenden Kenntnis der menschlichen Natur wegen doch nicht zulassen kann, nur erahnen.

Gerhard Dorfer/Johannes Kaiser

Ein besoderes Vergnügen ist Ulli Fessl, langjährige Burgschauspielerin, als Königinmutter, ebenso wie Gerhard Dorfer als Papst und Johannes Kaiser als dessen Berater, die in ihrerm lächerlich-gierigen Intrigantentum so entlarvend wie komisch sind - ein Stück Komödie in der Tragödie, etwas, das Anouilh ganz bewußt integrierte (wie auch das Gegenteil in seinen Komödien). Wieder einmal zeigt sich eindrucksvoll, welch hohe Qualität an den „kleinen“ Bühnen Wiens geboten wird. Weitere Informationen: www.freiebuehnewieden.at

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