Donnerstag, 24.01.2019 03:12 Uhr

Altösterreichische Befindlichkeiten

Verantwortlicher Autor: Dominik Lepuschitz Wien/Maria Enzersdorf, 23.06.2016, 04:44 Uhr
Presse-Ressort von: Dominik Lepuschitz Bericht 6436x gelesen
Ensemble
Ensemble  Bild: Rolf Bock

Wien/Maria Enzersdorf [ENA] Wie kaum ein anderer durchschaute Arthur Schnitzler die Befindlichkeiten der österreichischen Gesellschaft am Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit unerbittlicher Schärfe dramatisierte er die vielen kleinen Lebenslügen, in denen es sich vor allem die Oberschicht bequem gemacht hatte.

Deshalb gehen seine Stücke selten gut aus – alles steht auf tönernen Füßen. So auch in seinem vielleicht triefgründigsten Werk, "Das weite Land", womit, wie er einen Protagonisten auch aussprechen läßt, die Seele gemeint ist. Diese ist bei sämtlichen Charakteren auch schwer geschädigt; nur der Anteil, den sie selbst daran haben, variiert. Zudem haben einige Figuren reale Vorbilder, Menschen, die Schnitzler kannte. Steht im Vordergrund noch beißend-sarkastischer Humor, lauern gleich dahinter Bosheit und Egoismus, die in die ultimative Katastrophe führen. All das in Dialogen, die die ganze Schönheit der deutschen Sprache zeigen.

Johannes Terne/Michaela Ehrenstein

Gerald Szyszkowitz eröffnete mit diesem ausgesprochen anspruchsvollen Stück die diesjährigen Sommerspiele Schloß Hunyadi in Maria Enzersdorf mit einem Ensemble, das sich diesen Ansprüchen mehr als gewachsen zeigt. Der Dresdner Johannes Terne spielt den selbstgerechten, egozentrischen Friedrich Hofreiter auch mit nicht österreichischer Aussprache grandios, und man fühlt mit seiner psychisch mißhandelten Ehefrau (sensibel und verletzlich Michaela Ehrenstein). Nicht einmal sein Arzt und Freund Dr. Maurer (Alfons Noventa) kann sein Gewissen erreichen.

Johanna Machart bringt die gar nicht so naive Erna Wahl überzeugend auf die Bühne, ebenso wie Christina Jägersberger das beendete "Verhältnis" Adele Natter. Als deren rachsüchtiger Ehemann agiert Felix Kurmayer mit hintergründiger Bosheit, die schließlich auch zum Erfolg führt, und Wilhelm Seledec ist als Doktor von Aigner der Inbegriff des österreichsch-ungarischen Gentleman mit all seinen Unzulänglichkeiten, der es zuiefst bedauert, seinen Sohn Otto (Sebastian Blechinger) nie wirklich kennengelernt zu haben. Als er sich endlich dazu durchringt, das nachzuholen, ist es allerdings zu spät.

Machart/Noventa

Keine leichte Kost – und doch überaus sehenswert. Hier wird solides, klassisches Theater so präsentiert, wie es sein sollte, aber nicht immer ist. Barbara Langbeins Kostüme runden das Bild ab, und die Idee, Béla Fischer die Musik als Sologeiger zu übernehmen, erweist sich als wunderbar harmonisch. Eine Gelegenheit, die Theaterliebhaber wahrnehmen sollten. Weitere Informationen: http://www.geraldszyszkowitz.at/sommerspiele/ www.freiebuehnewieden.at

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