Sonntag, 24.09.2017 14:04 Uhr

Algorithmus vs. Person - Persönlichkeitsanalyse 2.0

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 29.08.2017, 11:53 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 5993x gelesen

München [ENA] Sprich, damit ich dich durchschaue - so könnte man ein Motto aktualisieren, mit dem in den 50er Jahren die Faszination und Imagination des Radios charakterisiert werden sollte: sprich, damit ich dich sehe! Heute ist Radio von gestern, und Sprache interessiert nur mehr, wenn sie im Zeitalter ihrer technischen Analysierbarkeit angekommen ist. * *

Vor Jahrzehnten kam sich die Zeitschrift "Sprache im technischen Zeitalter" avantgardistisch vor, als sie Aneignung von Wirklichkeit durch Sprache gegen die Informations- und Kommunikationsmedien verteidigte. Heute ist Sprache nicht nur allenthalben digitalisiert, sondern wird um so interessanter, je mehr man unterhalb ihrer Aussagefunktion und Bedeutungsebene über den Sprecher ermitteln kann. Genau dies wird vom Unternehmen Precire in Aachen betrieben.

Die Software von Precire analysiert Stimm- und Sprachparameter, die mit Hilfe eines etwa viertelstündigen, automatisierten Telefoninterviews gewonnen werden. Man nimmt also linguistische Kategorien wie Wortlänge, Satzlänge, Wortschatz, Syntax, Prosodie, Sprechtempo, Redundanz usw. in den Blick und ermittelt auf diese Weise wichtige, in der Sprache zum Ausdruck kommende unbewusste Aspekte des Sprechers. Dies ist möglich, weil diese Kategorien und Parameter vorher mit einem Kollektiv von 5500 Versuchspersonen kalibriert wurden, die auf herkömmlichem Wege auch psychologisch klassifiziert und diagnostiziert werden konnten.

Dabei wurden zahlreiche Felder von Dispositionen, Eigenschaften und Fähigkeiten vermessen, die im Alltag und Berufsleben eine Rolle spielen, z.B. Kontaktfreude, Neugier oder Gewissenhaftigkeit, sprachliche Kompetenz, Beziehungsorientierung, Resilienz, Emotionalität, Empathie, Orientierung an Gruppen- oder Selbstbezug, Entscheidungskraft, Initiative, strategische Kompetenzen wie Durchsetzungsvermögen, Anpassungsfähigkeit, Teamfähigkeit, Verantwortungsbereitschaft. Das jeweilige Interview ergibt Meßwerte, die mit dem anfangs ermittelten Durchschnitt der Population verglichen werden.

Für jede Merkmalsausprägung wird eine Prozentzahl angegeben, und die Summe aller Merkmale ergibt ein Persönlichkeitsprofil, das entweder an ein Anforderungsprofil für einen Arbeitsplatz angelegt werden kann oder zur Risikobewertung für eine Versicherung nützlich ist - um nur zwei Anwendungsgebiete zu nennen. Precire bildet je nach Bedarf Untergruppen aus der Grundgesamtheit und definiert hierfür auch unterschiedliche Dienstleistungsprodukte. Diese heißen dann beispielsweise JobFit, VoiceCheck, VoiceReflection, CommPass oder Precire develop.

Cui bono?

Hier wird bereits deutlich, wer ein Interesse an solchem, algorithmisch ermittelten Wissen haben kann: diejenigen Instanzen, die damit Geld sparen wollen. Bewerbungsverfahren werden für Firmen offensichtlich effektiver und billiger, wenn sie die Bewerber nicht mehr persönlich einladen müssen und trotzdem - hoffentlich - objektiver und rascher durchleuchten können. Und der tiefe Blick in den Charakter, hinter die Fassade euphemistischer Selbstauskünfte, hilft einer Versicherung, die Prämie am tatsächlichen oder jedenfalls zuverlässig extrapolierbaren Risikoverhalten des Versicherten zu bemessen.

Partnerbörsen könnten ebenfalls profitieren, doch hat deren Geschäftsmodell dem Vernehmen nach bisher keine Verbindung zur Sprachanalyse gesucht. Ebenfalls brach liegen die im engeren Sinne therapeutischen Möglichkeiten, die etwa bei der Suizidprävention oder Suchtbehandlung auf der Hand liegen. * * * *

Detailprobleme

Im Detail betrachtet verliert die Analyse ihre gleichsam magische Unheimlichkeit, und der Prüfling sieht in der Auswertung eine Aufschnittplatte einiger über- und unterdurchschnittlich ausgeprägter psychologischer Eigenschaften vor sich, deren jede sich aus einer Handvoll ebenfalls prozentual bewerteter sprachlicher Eigenschaften zusammensetzt. Er ist also auf der ersten Ebene, dem als Tortendiagramm dargestellten sog. Führungsprofil, in unterschiedlichem Ausmaß zielorientiert, beziehungsorientiert, autoritär, informativ usw. Auf der Ebene darunter sieht man, wie diese Eigenschaften in der Sprache abgebildet gedacht werden. So gilt jemand als beziehungsorientiert, wenn er Wörter aus dem sozialen Bereich verwendet.

Die Anzahl der Pausen ist für das Charisma ebenso wie für „aktivierend" relevant, wobei „Pausen die besprochenen Inhalte betonen, aber auch ein Zeichen von Unsicherheit sein können“. Aus "Zwang, Konjunktiv, unpersönlich" wird ein Faktor für die Eigenschaft "Verantwortlichkeit" gestrickt. Dort denkt man sich auch einen Gruppenbezug mit und mißt ihn daran, wie oft sich die Person als Bestandteil einer Gruppe dargestellt hat, also Personal- und Possessivpronomina der 1. Person Plural verwendet ("wir", "unser"). Der Blick auf die Inhalte, die in der zu Grunde gelegten Sprachprobe verhandelt wurden, kann jedoch zeigen, daß es vielleicht gar keinen Grund für die Verwendung dieser Pronomina gegeben hat.

Wenn der Durchschnittsbürger einen gewöhnlichen oder idealen Sonntag etwa im Kreis der Familie oder zumindest häuslicher Gemeinschaft verbringt, ist der Prüfling vielleicht ledig und hat am Sonntag einen Dienst, den er allein, ohne Gruppenbezug auszuüben hat. Er wird demzufolge auch nicht von "wir" reden. Das Ausblenden der Sprachinhalte, das Voraussetzung für diese Art Analyse ist, führt also auch zum Ausblenden der Lebenswelt, auf die die Sprachverwendung ja bezogen bleibt und bleiben muß. Statt dessen wird ein abstraktes, jedenfalls künstliches Durchschnittsnormal zum Maßstab, und entsprechend einseitig fallen auch die Entwicklungsimpulse aus, die aus dem Analyseergebnis abgeleitet werden.

Die in der Psychologie üblich gewordene euphemistische Sprache redet nicht von "Stärken und Schwächen" (oder Defiziten), sondern von "Ressourcen und Entwicklungsfeldern". Für erstere genügen Bestärkung, etwa "Bleiben Sie weiterhin auf der Argumentebene, statt Emotionen überwiegen zu lassen" - eine Eigenschaft, die auf entsprechende berufliche Anforderungen "einzahlt", wie es in diesem Jargon heißt. Aber hinter der Bevorzugung von Sachlichkeit gegenüber Emotionalität steht natürlich eine Wertentscheidung, die vorher thematisiert werden müßte.

Wenn bei der Wertschätzung ein Defizit besteht, lautet die Empfehlung beispielsweise: "Drücken Sie häufiger Ihre Zustimmung aus". Wie aber, wenn der Prüfling Journalist ist und von Berufs wegen kritisch sein und mit seiner Wertschätzung sehr sparsam umgehen muß? Als Abhilfe dagegen, zu wenig "aktivierend" zu wirken, wird empfohlen, mehr Gewißheit in der Sprache auszudrücken. Was aber, wenn der Prüfling als Philosoph einer konstitutionellen Skepsis verpflichtet ist und seine Lebensaufgabe (wie der Ahnherr Sokrates) darin sieht, vermeintliche Gewißheiten abzubauen? Man kann sicher sein, daß alle großen Philosophen ein katastrophales Analyseergebnis erzielt hätten und zur Revision ihres Menschenbildes angehalten worden wären.

Irreführende Kurzschlüsse wie diese müssen nicht als Einwand gegen das Analyseverfahren gelten - sofern man auf die Ebene der quantifizierten Korrelationen hinabsteigt. Es geht ganz ähnlich wie bei den Tests der Stiftung Warentest zu. Dort findet man ein Gesamturteil, Urteile für Eigenschaftsgruppen und Einzelbewertungen. Der Interessent kann für sich ein Gesamturteil für irrelevant erklären, wenn er auf den unteren Ebenen für bestimmte Eigenschaften andere Gewichtungen vornimmt.

Die analytische Transparenz läßt ihm die Freiheit, seinen eigenen Test gewissermaßen nachträglich zu konfigurieren. Letztlich handelt es sich darum, den Sollwert als Maßstab entsprechend zum Anwendungsziel oder der eigenen Lebenswelt festzulegen. Problematisch wird die Anwendung der Sprachanalyse dann, wenn sie ihren Sollwert intransparent läßt und dem allgemeinen Konformismus Vorschub leistet.

Ein weiterer Weg zum Unbewußten

In der algorithmischen Sprachanalyse von Precire kann man den Fortschritt der Psychologie der letzten hundert Jahre widergespiegelt finden. Das Unbewußte wollte auch schon S. Freud erforschen, doch er benutzte, bei aller empirisch-naturwissenschaftlichen Zielsetzung, ein humanes Methodenkonzept aus Empathie und Assistenz, demgemäß der Analytiker mit zurückhaltender Reflexion die freien Assoziationen des Klienten begleitet. Verschiedene Gründe ließen nach Freud rein empirische oder experimentelle Methoden in der Psychologie immer wichtiger werden und hatten mehr oder minder unverhüllt das Ziel, die Seele berechenbar zu machen - oder vielmehr das, was man einst Seele genannt hatte, durch eine berechenbar gemachte Handlungsinstanz zu ersetzen.

Selbstverständlich hat eine Precire-Sprachanalyse nicht das gleiche Ziel wie eine traditionelle Psychoanalyse, die beispielsweise über 2 Jahre hinweg mit 2 Wochenstunden den Klienten zur Selbsterkenntnis bringen und seine Persönlichkeit weiterentwickeln will. Aus Sicht eines Arbeitsmarktes, der den voll flexibilisierten, jederzeit erreichbaren und beliebig belastbaren Unternehmer seiner selbst als Arbeitskraft fordert, werden mit Freuds Methode nur Luxusprobleme verhandelt.

Da ist die ortsunabhängige Sprachanalyse im Umfang von einer Viertelstunde ein wesentlich effektiveres Verfahren und überdies von weltanschaulich-philosophischen Implikationen und Komplikationen frei, weil sie den Betreffenden ja nur als Eigenschafts- und Funktionsträger betrachtet. Man hat hier also einen kalkulierbaren und skalierbaren Weg zum Unbewußten geschaffen.

Nach der Vermessung der Welt die Vermessung des Menschen

Offensichtlich läuft diese linguistische Vermessung des Menschen genau parallel zur genetischen Vermessung, wie sie seit der Popularisierung der Genomanalyse in immer mehr Fällen zu einer diagnostischen Option geworden ist. Eben erst wurde hierzulande notgedrungen neu geregelt, was man einer polizeilich erhobenen DNS-Probe entnehmen darf. Man beschränkte sich auf offen sichtbare Merkmale, Haar- Hautfarbe u.ä. Weitergehende Ermittlungen, etwa zu psychischen Dispositionen, sind unzulässig.

Denken findet im Wesentlichen in Sprache statt und wird in Sprache manifest. Die mentale Welt einer Person wird über Sprache kommunikabel. Da Sprache aber auch der Lüge und Täuschung fähig ist, mußte die Psychoanalyse eine eigene Methode entwickeln, diese Verfremdungen zu umgehen oder zu unterlaufen. Die Genomanalyse ebenso wie die algorithmische Sprachanalyse unterlaufen die Ebene der Person, die für Recht und Staat die Bezugsgröße des individuellen Handelns ist. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung wurde vom Bundesverfassungsgericht seinerzeit genau zu dem Zweck verankert, informatische Prozeduren an die Person zurückzubinden, d.h. dem Rechtssubjekt zur Bewertung vorzulegen.

In der Medizinethik wurde ein "Recht auf Nichtwissen" postuliert, das jenen Zumutungen oder Schrecknissen Einhalt gebieten soll, die die Genomanalyse für den Einzelnen bereithalten kann. Die Big-Data-Analytiker verbünden sich jedoch mit jenen Meßwerten, die dem Subjekt auf seiner Ebene gar nicht zugänglich sein können, und verwenden sie gegen es. Stets lautet die Strategie: wir wissen mehr über dich, als du selbst weißt; wir brauchen deine deklarativen Aussagen und Willensbekundungen gar nicht mehr.

Hier hat ein einschneidender Wandel des anthropologischen Paradigmas stattgefunden, und demzufolge werden auch für Gesellschaft und Staat tiefgreifende Veränderungen befürchtet. Schon in den 50er Jahren enthüllte Vance Packard in seinem bekannten Buch "Die geheimen Verführer: der Griff nach dem Unbewussten in jedermann". Yvonne Hofstetter spricht in ihrem neuen Buch vom "Ende der Demokratie" und beschreibt, "wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt".

Entfremdungserfahrungen

Der Klient der Precire-Analyse macht die Erfahrung der Entmündigung am eigenen Leibe, wenn er sich dem Telefoninterview stellt. Ihm ist klar: die Maschine fragt mich aus, will aber nichts von mir wissen; ich rede in ein Schwarzes Loch, in dem nachher geheime mathematische Verfahren über meinen Charakter richten. Dem Klienten wird ein Gesprächspartner auf gleicher Ebene verweigert, und dies ist der Hauptfaktor der Dehumanisierung, die freilich bereits allenthalben im Alltag Einzug gehalten hat. Als Kunde muß man sich von jedem automatisierten "Kundendienst", der entweder gar nicht oder nur mit unzutreffenden Textbausteinen oder unzulänglichen Kategorien in telefonischen Menüarchitekturen reagiert, zum Hampelmann machen lassen.

Die Sprachanalyse mit den von Precire angebotenen Zweckbestimmungen ist also ethisch durchaus problematisch, und da hilft es auch nicht, wenn im Wissenschaftlichen Beirat ein Pfarrer quasi moralische Unbedenklichkeit bescheinigt oder zumindest appellativ unterstellt: derartige Technologien dienten "dem Menschen, wenn ihnen eine sittliche Gesinnung im Entstehen zugrunde liegt und deren Anwendung wiederum dieser sittlichen Gesinnung unterstellt ist. Das impliziert ein positives Menschenbild und mit ihm ein tiefes Verständnis und einen hohen Respekt für die rechtlichen, ethischen und kulturellen Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens."

Damit ist die ethische Herausforderung keineswegs zureichend erfaßt, und das "positive Menschenbild" ist nicht mehr als ein buntes Heiligenbildchen. In der Selbstdarstellung, dem "Image-Video", wird die Sprachanalyse mit Begriffen und Zielen eines persönlichen, paritätischen, "herrschaftsfreien" Dialoges geschildert. Es wird der Eindruck erweckt, durch die Big-Data-Algorithmen werde ein Wissensdefizit behoben und könnten nützliche Informationen ans Licht gebracht werden:

"Leider sind sie sehr versteckt in unserer umfangreichen Sprach-DNA, und wir können sie nicht so einfach heraushören. Wäre es nicht toll, wenn wir auch diese Informationen verstehen könnten?" Sie sind natürlich nicht "leider", sondern zum Glück versteckt, und wenn "wir" sie verstehen können, sind das eben gerade nicht Du und Ich und Jedermann, sondern die Auftraggeber und Wissenskonquistadoren mit dem Bacon'schen Motto "Wissen ist Macht".

Am Ende heißt es programmatisch: "digital becomes human". Dies stellt offensichtlich die Tatsachen auf den Kopf, ist also, in der älteren Sprache der politischen Theorie gesagt, falsches Bewußtsein, Ideologie. Richtig müßte der Satz lauten: The human becomes digital (oder: is processed digital). Oder wie es der englische "Observer" im vergangenen Dezember in der Analyse möglicher Big-Data-Einflüsse auf die Trump-Wahl formulierte: "Wir sind mitten in einer Maschine und haben schlicht keine Möglichkeit, ihre Schalter zu sehen."

Ein vorbildlich implementiertes Verfahren -und der Leviathan

Daß Precire das geschilderte Verfahren jedoch sehr verantwortungsvoll implementiert, kann ohne weiteres bescheinigt werden. Man fühlt sich dem deutschen Datenschutz verpflichtet und behält die Anwendung im eigenen Hause. Zur Auswertung nimmt sich ein Psychologe am Telefon eine halbe Stunde Zeit, begleitet den Prüfling gewissermaßen bei der algorithmisch vermittelten Selbsterkenntnis. Demgegenüber wurde ja bei der in den USA konfektionierten Genanalyse kritisiert, daß dort die Ergebnisse ohne ärztliche Begleitung zum Patienten gelangen.

Den auftraggebenden Unternehmen empfiehlt Precire, die Ergebnisse mit ihren Bewerbern konstruktiv zu diskutieren, und soweit es sich nicht um Massendatenverarbeitung in einer Vorauswahl handelt, wird dieser Rat auch weitgehend befolgt. Gütekriterien An der Reliabilität und Validität der Ergebnisse wird man zunächst auch nicht zu zweifeln haben, zumal das System durch die neuen Teilnehmer wächst und dazulernt. Die Kritiker sollten also nicht auf empirische Fehler hoffen. Vielmehr geht es darum, die algorithmische Wende in der Anthropologie ernst zu nehmen.

Sie wird ebenso wenig weggehen wie die Digitalisierung als ganze. Das Buch der Natur ist, wie wir seit Galilei wissen, in der Sprache der Mathematik geschrieben, und der Mensch, soweit er Natur ist, steht auch in diesem Buch und wird jetzt ausgelesen. Hirnforschung und Bewußtseinsphilosophie sind schon seit einiger Zeit dabei, die Fiktion der willensfrei handelnden Person zu demontieren und durch ein Agentenensemble von Antrieben zu ersetzen. Stimmungslagen des Einzelnen und ganzer Gesellschaften werden durch eine "Sentiment-Analyse" für die jeweiligen Machthaber erkennbar und steuerbar.

Der Mensch wird sich mit der Wiederholung oder Fortsetzung jener von Freud benannten narzißtischen Kränkung abfinden müssen, 'nicht mehr Herr im eigenen Hause' zu sein. An Freud wird man vielleicht auch lernen können, wie auf die neue Zumutung zu reagieren wäre: mit Bewußtmachung. Aus Es soll Ich werden, lautet das klassische Ziel. Dies funktioniert auch, weil und solange beide Beteiligten das gleiche Ziel verfolgen. Der Analytiker operiert mit seinem besseren Wissen so lange, bis er den Klienten auf den gleichen Stand gebracht hat.

Die aktuellen algorithmischen Verfahren sind jedoch asymmetrisch - ohne Bereitschaft zu Wissensteilung und Interessensausgleich. Es sind durchweg Beherrschungs- und Ausbeutungsverfahren. Zwar ist Molekulargenetik noch keine Medizin und Individuallinguistik noch keine Psychologie, aber die Verbindungslinien sind gelegt, und ein quantifizierendes System wie die Ökonomie (und die sich daraus alimentierende Politik) wird die Wege verkürzen wollen und stets dorthin streben, wo Zahlen verheißen werden.

Mittlerweile dämmert es einigen Politikbetrachtern oder Politikern, daß es "diskriminierende Algorithmen" gibt. Jedenfalls hat Bundesjustizminister Heiko Maas schon einmal ein digitales Antidiskriminierungsgesetz gefordert. Man befürchtet: "Diskriminierung kommt über die digitale Hintertüre zurück". Dies erst jetzt zu bemerken, ist offensichtlich dem Unverständnis der Digitalisierung geschuldet. Die Diskriminierung war nie weg, sie ist konstitutiver Bestandteil asymmetrischer gesellschaftlicher Verhältnisse und Gegenstand der digitalen Werkzeuge.

Selbst wenn ein Buchvorschlag von Amazon, die Vervollständigung einer Google-Suchanfrage oder eine psychologische Detailbeobachtung in einer Precire-Auswertung dem Betreffenden eine ebenso überraschende wie nützliche Einsicht vermitteln können und ihn diese Beförderung seiner Selbsterkenntnis amüsieren mag, bleibt das gewaltige Ungleichgewicht der Kräfte bestehen. Jederzeit kann es sich gegen den Einzelnen richten, und dann ist die Unzugänglichkeit der Gegner und die Unbekanntheit ihrer Daten ein unüberwindliches Hindernis.

Die gleiche Strategie, sich exemt zu machen, wird bekanntlich in den berüchtigten Handelsvereinbarungen TTIP und JTIP (wenn wir damit das offiziell unbezeichnete Handelsabkommen mit Japan abkürzen wollen) verfolgt: der jeweiligen, verfassungsgemäßen Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit möchten sich die Unternehmen nicht unterstellen. Man kann durchaus für bestimmte Branchen, Berufe und Arbeitsplätze genaue Anforderungsprofile erstellen und sie mit einem Instrument wie der Precire-Sprachanalyse abfragen. Wie weit die Neugier einer Versicherung gehen dürfte, wäre dann schon etwas problematisch. Die Gefahr besteht allerdings darin, daß sich solche sektoralen Nötigungen zu Wohlverhalten und Unterordnung zu einem allgemeinen Konformismus ausweiten.

Die von der sog. „politischen Korrektheit" jetzt schon ausgehende Sprachdeformation und Realitäts"korrektur" zeigt, wohin der Weg führen kann. Daß es im größten sozialen Netzwerk zwar einen Zustimmungs-, aber keinen Mißfallensknopf gibt, kann auch nicht im Sinne einer realistischen Weltsicht sein. In Sprache bilden sich unvermeidlich Lebensstile ab, und über diese mit sprachlichen Argumenten (Analyseergebnissen) zu richten, ist eine ethisch heikle Angelegenheit. Leicht wird eine deskriptive Methode zu normativen Zwecken herangezogen oder mißbraucht.

Bei Precire haben wir immerhin noch den Glücksfall vor uns, daß es sich um eine deutsche Firma handelt, die demzufolge in den hiesigen Rechtsrahmen eingebunden ist. Man kann sich fast wundern, wie ein solches Konzept, das man jederzeit als das ideale individualitätszerstörende Werkzeug eines globalen Turbokapitalismus in den USA entstanden wähnen möchte, hierzulande auf die Füße gekommen ist. So können wir gewissermaßen mit der Lupe studieren, wie aus kluger Grundlagenforschung binnen kurzer Zeit eine mächtige Anwendung mit ebenso großer ethischer Ambivalenz geworden ist.

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